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Die Sonne ging auf über den Einöden auf Rioda und weckte das Land. Es versprach, ein sonniger Tag zu werden, ein klarer blauer Himmel erschien und ließ die letzten Sterne langsam verschwinden. Micah war schon wach. Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt geschlafen hatte. Er hatte Visionen vom Schöpfer bekommen, die er weiterzugeben hatte. Heute war der Tag gekommen, an dem er den Leuten den Willen des Schöpfers verkünden sollte. Micah wusste, dass die meisten Leute nicht hören wollten, was er zu sagen hatte, aber irgendjemand musste ihnen erzählen, dass der Schöpfer immer noch da war, dass er immer noch an einer Gemeinschaft mit den Menschen interessiert war. Auch wenn die Leute sich nicht mehr für ihn interessierten.
Es gab Hochs und Tiefs in der Beziehung zwischen dem Schöpfer und den Menschen. Aber die letzten Jahre, so schien es, waren ein ständiges Abklingen. Die Menschen gingen ihre eigenen Wege und kümmerten sich einen Dreck um die Regeln, die der Schöpfer den Menschen gegeben hatte.
Aber sie mussten es wissen…
„Hört auf die Worte des Schöpfers! Ihr alle seid auf dem Weg in die Verdammnis. Ihr verdammt euch selbst, so wie ihr lebt. Ihr seht nur noch euch selber und die Leute, die euch nutzen. Ihr kümmert euch nicht mehr um die Schwachen. Im Gegenteil, ihr nehmt euch gegenseitig aus, übervorteilt euch. Vor den Reichen und Mächtigen kriecht ihr und ihr tretet die Menschen, die unter euch stehen, mit Füßen. Das ist es nicht, was ich mir vorstellte, als ich euch das Leben eingehaucht habe. Ich werde euch bin an die Enden der Galaxis verstreuen. Ihr werdet von stärkeren und grausamen Völkern unterdrückt werden und ihr werdet euch wünschen, niemals geboren zu sein. Ihr werdet im Dunkeln taumeln wie die Toten, aber selbst der Tod wird keine Gnade sein. Aus eigenem Antrieb werdet ihr nicht mehr zu mir kommen können, doch ich werde euch einen Retter schicken. Er wird als Mensch unter euch aufwachsen und ihr werdet ihn nicht erkennen. Ihr werdet die Zeichen und Wunder sehen, aber eure Herzen werden verstockt sein. Aber eines Tages werdet ihr begreifen…
Micah hatte den Scharfschützen, der auf ihn zielte, nicht gesehen. Er hatte nicht mal den Schuss gemerkt, aber schon bevor er auf dem Boden aufschlug, war er zuhause.
Wow, das ist es! Terium! Das hat die Menschheit gebraucht! Gib es mir! Ich will es, jetzt! Ja, ich werde nicht mehr sterben, niemals! Mein Schicksal ist in meiner Hand, ich bin niemandem mehr Rechenschaft über mein Leben schuldig. Kein Schöpfer mehr! Tod und Verdammung ängstigen mich nicht mehr, weil ich ewig leben werde. Ich bleibe gesund! Keine Vergebung mehr notwendig, kein Schöpfer mehr notwendig! Terium wird mich nicht im Stich lassen! Darauf kann ich zählen. Es fühlt sich gut an, Terium zu nehmen, es erweitert meinen Horizont! Oh ja, die größte Entdeckung aller Zeiten! Wer hat jemals gesagt, dass die Pykoden nichts Gutes gebracht hätten! So, jetzt haben wir genug geschwatzt, gib mir Terium oder ich werde noch zum Mörder hier!
Die Leute im Wartezimmer der Teriumausgabe würden nicht lange warten müssen. Die Verabreichung war denkbar einfach und schnell. Eine Teriumpille, aufgelöst in einer schwachen Soda Bikarbonat Lösung. Das ist alles. Es wehrt alle Krankheiten, Infekte, ja sogar Gendefekte ab und es verlängert das Leben. Ab dem Tag der ersten Einnahme altert der Körper nicht mehr. Und es ist erschwinglich. Jeder kann es sich leisten und jeder will es. Und jeder bekommt es.
Es gibt noch das Silberterium. Der Unterschied ist denkbar einfach. Es macht nicht süchtig. Aber es ist sehr selten. Terium im Allgemeinen reagiert sehr empfindlich auf Magnetfelder. Magnetfelder, wie die meisten Maschinen sie produzieren. Wenn der Kristall einmal einem Magnetfeld ausgesetzt war, kann man ihn nicht mehr zu Silberterium verarbeiten. So wird denn das Silberterium mit bloßen Händen ausgegraben. Bestenfalls mit Handwerkzeugen. Die Gewinnung von Silberterium kostet viele Menschenleben.
Nicht jeder kann Silberterium bekommen. Pontius selbst entscheidet, wer das Silberterium bekommt und wer nicht.
Langsam und majestätisch dreht sich Rioda in mein Sichtfeld, als ich aus dem Bullauge meines Schiffes schaue. Es ist ein blauer Planet. Ich sehe Brosan, den größten der drei Kontinente. Auf Brosan liegt Cetris, die Hauptstadt des Sonnensystems, mein Ziel. Etwa 2 Millionen Menschen leben hier. Nicht zu viele, aber im ganzen System leben nur 200 Millionen. Es gibt keinen Bedarf an Kindern in einem Volk, das nicht stirbt. Ein Nebeneffekt des Teriums ist, dass es nahezu unfruchtbar macht. Und das ist auch gut, denn wer, zum Geier, braucht schon Kinder? Kinder kosten nur Geld und binden wertvolle Zeit. Ach, ich kann mich immer noch an die Zeiten erinnern, in denen es noch Familien gab. Diese antiquierten Strukturen. Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei! Pontius hat alle Ehen annulliert. Niemand ist mehr für einen anderen verantwortlich. Keiner muss für einen anderen aufkommen. Jeder ist frei, das zu tun, was er will. Wenn du Spaß haben willst, geh los, such dir jemanden aus, der dir gefällt, hab Spaß. Ohne Verpflichtungen. Ohne schlechtes Gewissen. Du musst auf nichts achten, das Terium bewahrt dich vor Krankheiten!
Ich komme grade von Kranos. Mein Job ist es, die Minen zu inspizieren und sicherzustellen, dass alles läuft. Ich mag diesen Planeten nicht. Die Temperaturen und die Atmosphäre sind extrem, ohne Schutzanzug ist ein Überleben auf der Oberfläche nicht möglich. Alles spielt sich unter der Oberfläche ab. Alles. Die Minen sowieso, die Produktionsanlagen, auch die Gefängnisse. Die stinkenden Kerker. Die Häftlinge verdienen was sie haben. Keiner von ihnen wird Kranos je wieder lebend verlassen. Der Abschaum der Galaxis. Meiner Ansicht nach sollen sie graben, bis sie tot umfallen und ihre Leichen die leeren Schächte füllen. Die Polizei sorgt schon für Nachschub.
Aber mein Vorschlag wäre, Nufridon zu sprengen. Dort leben diese Maden, die sich weigern, das Terium anzuerkennen und es zu nehmen. Ja, sie erkennen nicht mal Pontius als Herrscher an. Sie in die Minen zu schicken bringt nichts, da sie nicht graben. Sie ziehen die Dehydration vor. Also hat der Rat beschlossen, den Maden den Eisklumpen zu lassen. Nufridon. Seit der Planet seine Ellipse geändert hat, ist er fast das ganze Jahr im Schatten von Kranos. Alles ist eingefroren. Davor war es ein richtig lebendiger Planet, jetzt ist alles vereist und dunkel. Die Maden leben in Höhlen unter der Oberfläche. Sie glauben immer noch an einen Schöpfer, der sich alles ausgedacht und geschaffen haben soll. Das ganze Universum. Diese Verblendeten. Das ist doch absurd. Wenn es einen Schöpfer gibt, ist sein Name Pontius. Ihn sollten wir anbeten, weil er uns das Terium gebracht hat. Ich denke, ich werde einen Vorschlag einbringen, dass Pontius anzubeten ist.
Wir haben die alten Prophezeiungen gründlichst studiert. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde und wir waren vorbereitet. So brachen wir denn auf. Vor Ewigkeiten waren wir ein Volk. Aber dann spalteten wir uns. Ein Teil entschied sich dazu, das System zu verlassen und neue Systeme zu erkunden, auf der Suche nach Planeten, die man besiedeln kann. So bauten wir die Generationsschiffe und ein Teil von uns brach auf. Hin und wieder bekamen wir Nachricht von ihnen, hörten von ihrem Schicksal. Die letzte Nachricht war nun aber schon ewig lange her. Aber nun trafen die anderen Zeichen aus den alten Prophezeiungen auch zu und wir wussten, dass es jetzt an der Zeit war, aufzubrechen. So brachen wir auf.
Nachdem wir etliche Lichtjahre hinter uns gebracht hatten und durch etliche Galaxien gereist waren, haben wir das System unserer Brüder erreicht. Wir kamen in das Riodasystem. Hier war es also, hier ist der Retter, der Sohn des Schöpfers, geboren. Wir landeten auf Rioda und hatten eine Audienz bei dem Präsidenten, Pontius war sein Name. Er gehörte nicht zu unserem Volk, er war ein Romane. Die Romanes hatten vor einigen Jahrhunderten unser Volk von der Unterdrückung durch die Pykoden befreit. Danach blieben sie im System und regierten es.
Wir fragten ihn nach dem neugeborenen Retter. Er hatte nichts von ihm gehört. Wir dachten schon, dass wir einem Irrtum auferlegen waren. Aber Pontius sagte uns, dass wir ihn wissen lassen sollten, wenn wir den Retter finden würden, denn er wollte dem Retter auch Ehre erweisen. Wir verließen Rioda und einer Intuition folgend, nahmen wir Kurs auf Nufridon. Und tatsächlich fanden wir dort das Ziel unserer Mission. Ein Kind, geboren in der Krankenstation auf dem Eisplaneten. Wir erzählten den Eltern des Kindes unsere Geschichte und verließen sie wieder in dem Wissen, dass die Zeiten sich ändern würden. Und wir kehrten niemals nach Rioda zurück.
Es gab aber auch eine andere Macht im Universum: Der Gefallene. Er war nicht wirklich ein Gegner des Schöpfers, denn auch der Gefallene war eine Schöpfung. Aber er benahm sich wie ein Gegner. Der Schöpfer ließ ihn gewähren, denn der Gefallene war schon aus dem Paradies verstoßen. Diese Tatsache machte ihn besonders wütend, denn er wusste, dass er seinem Schicksal nicht entkommen konnte. So versuchte er, so viele Menschen wie möglich vom Schöpfer zu trennen. Er hatte bislang viele Tricks versucht, aber das Terium war sein Meisterstück. Und Pontius sein wertvollstes Instrument.
„Alles läuft jetzt so, wie es sollte.“ dachte der Gefallene. „Das Volk hat Terium. Ich gebe es ihnen und sie nehmen es. Ich habe sie nun an der Leine. Für den Schöpfer interessieren sie sich nicht mehr. Die Priester sind mit Silberterium gefügig gemacht. Nur ein klitzekleines Ding, das mir Sorgen macht: Dieser verflixte Prophet, dieser Micah. Er hat das Kommen eines Retters vorausgesagt. Ich wusste nicht genau, was das bedeutet, aber nun sehe ich klar. Wie auch immer, Pontius wird das Problem lösen.“
„Was ist das, dieser so genannte Retter?“ donnerte Pontius durch die Halle. Er war maßlos aufgebracht. War nicht er selbst der Retter? War er es nicht, der den Menschen das Terium gebracht hat? Hat er es nicht möglich gemacht, das Leben zu verlängern, die Krankheiten zu besiegen? Und nun kamen diese alten Männer daher und fragten nach einem Retter. Was gibt es hier zu retten? Nichts! Niemand braucht gerettet zu werden, wenn nicht gestorben wird. Es gibt keinen Schöpfer, nur leben! Ich werde der Schöpfer für das Volk sein. Ich bin hier verantwortlich. „Ich werde diesen so genannten Retter finden und dann wird er sich selbst retten müssen!“
Und er fand ihn. Es dauerte 25 Jahre, aber er fand ihn. Pontius war ruhig und gelassen, als er ihn empfing. Er konnte Ratis nicht so einfach verhaften lassen, das war ihm klar. Es hat ihn diese 25 Jahre gekostet, Ratis ausfindig zu machen, da würde er nun nichts aufs Spiel setzen. Er würde seinen Meister nicht enttäuschen.
„Dieser Ratis, sollte er denn tatsächlich der Sohn des Schöpfers sein, ist trotzdem nur ein Mensch. Und Menschen haben eine schwache Stelle. Ich werde sie schon finden.“ Dachte Pontius bei sich selbst. Dann drückte er auf den Knopf, der die Tür öffnete. Ratis kam herein. Er war ein Gast, kein Gefangener. „Nimm Platz“ lud ihn Pontius ein. Ratis setzte sich ihm gegenüber. Pontius begann: “Schau, die Leute bekommen das Terium. Sie wollen es. Ich gebe ihnen nur, was sie wollen. Ich zwinge niemanden, Terium zu nehmen. So sind alle zufrieden.“ Er lehnte sich zurück „Ich mache dir ein Angebot: Du bekommst Silberterium für dich und deine Freunde und ich gebe dir mehr Geld als du jemals ausgeben könntest. Und zusätzlich bekommst du eine nette kleine Insel hier auf Rioda. Als Gegenleistung verlange ich nicht viel. Du ziehst dich nur auf deine Insel zurück und denkst nicht mehr an Terium. Niemand wird irgendwas verlieren, wenn du zustimmst. Die Leute leben und du lebst und das System wird Frieden haben.“
Ratis runzelte die Stirn. Es sah so aus, als würde er über den Vorschlag nachdenken. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und sah Pontius in die Augen. Für einen kurzen Moment versuchte Pontius, den Blick zu erwidern, aber er schaffte es nicht. Er senkte den Blick. „Hast du dich entschieden?“ „Es hört sich verlockend an.“ Ratis’ Augen blitzten „Aber ich werde nicht auf dich hereinfallen. Die Menschen sind meine Mission. Der Schöpfer sieht und liebt jeden einzelnen von ihnen. Und du hinderst sie daran, das zu erkennen. Du weißt, dass die Menschen rastlos sind, seitdem sie Terium nehmen. Ich bin hier, um sie wieder zur Ruhe zu bringen.“
Pontius war mehr als erbost über diese Reaktion. Er war Widerrede nicht gewohnt. Er sprang auf, sein Stuhl kippt um. Er brüllte nach den Wachen, aber Ratis war schon verschwunden. Pontius hatte versagt. Bis jetzt.
Irgendwie war uns bewusst, dass wir nur wenig Zeit haben würden. Ratis unterwies uns erst seit einige Monate in den alten Prophezeiungen. Er erklärte uns, wie sie mit dem Willen des Schöpfers zusammenhingen.
Uns allen ist, seitdem wir mit Ratis zusammen waren, klar geworden, dass er der Sohn des Schöpfers, der angekündigte Retter, sein musste. Mit seinem Kommen erfüllten sich nun langsam die Prophezeiungen. Wir wussten, dass sich die Zeiten von jetzt an ändern würden. Wir wussten, dass der Schöpfer immer noch Sehnsucht nach einem jedem Menschen hatte, dass er jeden liebte. Aber die Leute auf Rioda wussten das nicht mehr. Das Terium hatte es verdrängt. Und nun vegetierten viele Menschen vor sich hin, gefangen in ihren unsterblichen Körpern.
Und an diesem kalten Morgen sollte es losgehen. Der Flug nach Rioda würde weniger als einen Tag dauern. Mein Blick schweifte über den Hangar. Fast 100 umgebaute kleine Kampfschiffe schimmerten im kalten Morgenlicht. Die Dämmerung hatte noch nicht eingesetzt, aber es würde nicht mehr lange dauern. Heute war einer der wenigen Tage im Jahr, an denen Nufridon aus Kranos’ Schatten hervortritt. Die Luft flimmerte gegen die Hangarbeleuchtung. Die Triebwerke liefen schon geraume Zeit, um aufzuwärmen.
Wir alle waren angespannt und nervös. Würden die Leute hören wollen, was wir zu sagen haben? Würden wir zu den Menschen durchdringen können? Ich war noch nie auf Rioda. Ich war aber auch erst 24 Jahre alt. Die Leute, denen ich vom Schöpfer und seiner Liebe erzählen würde, würden mindestens 200 Jahre älter als ich sein. Aber das war mein Auftrag. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass ich nur ein Werkzeug des Schöpfers sein würde. Er würde mich einfach als Sprachrohr benutzen.
Ratis setzte seinen Helm auf und stieg in sein Schiff. In diesem Moment durchbrachen die ersten Sonnenstrahlen die Dämmerung und tauchten den ganzen Hangar in einen goldenen Glanz.
Tief innen weiß jeder Mensch um die Existenz des Übernatürlichen. Es sind diese Dinge, die weder die Wissenschaftler noch die Priester jemals beweisen können würden. Und die meisten Leute wussten auch irgendwie, dass sie den Beweis erst nach ihrem Tod haben würden. Die Leute wollten aber nicht sterben, denn sie fürchteten sich vor dem Unbekannten. Und sie hatten Recht, sich zu fürchten. Denn es gab nur zwei Wege, für die man sich entscheiden konnte. Einer war breit, hell erleuchtet, eben. Der andere Weg ist schmal und manchmal schwer zu erkennen. Steine liegen im Weg. Aber jeder muss sich entscheiden. Das Terium verschiebt den Zeitpunkt dieser Entscheidung.
Ich weiß um eure Angst. Ich kenne eure Herzen und auch eure Gedanken. Und trotzdem liebe ich euch. Ich weiß, dass es unmöglich erscheint, den schmalen Weg zu gehen. Und wenn ihr teriumsüchtig seid ist es sogar noch schwieriger, denn Terium versperrt den Zutritt zu diesem Weg. Um euch zu helfen habe ich euch einen Retter geschickt. Er hat die Macht, euch von der Abhängigkeit zu befreien und euch euren freien Willen zurück zu geben. Ihr müsst ihm nur vertrauen.
Ihr Kleingeister! Für euch gibt es nur euch und euer Leben. Und ihr habt immer noch Angst vor dem Unbekannten. Vor den Dingen, die sich nicht beweisen lassen. Ihr habt euch dazu entschlossen, diese Dinge zu verschieben, in der Hoffnung, sie zu vergessen. Aber ihr könnt mir glauben, die Zeit wird euch nicht vergessen, das ist sicher! Sie wird euch früher einholen als euch lieb ist. Das Terium hilft euch, den Tod zu verschieben. Euer ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, wie und wann ihr an diese Droge kommt, wie ihr euch die nächste Pille leisten könnt. Aber die Romanes werden euch nicht im Stich lassen. Da könnt ihr sicher sein. Sie geben euch das Terium und sie sind die wahren Gewinner. Und ihr seid die Verlierer. Euer ganzes Leben ist ein einziges Verlieren, seitdem ihr Terium nehmt. Ihr verliert euren freien Willen. Und ihr verliert euer Leben, auch wenn ihr nicht sterbt. Aber ich schaue euch in die Augen und ich sehe noch etwas. Noch ein Bedürfnis. Ein unterdrücktes Verlangen. Tief in euch lebt immer noch die Erinnerung an einen Schöpfer. Und ihr fühlt, dass er das Terium hasst. Ihr versucht zu beten und er hört euch. Aber irgendwie fühlt ihr euch wie Kinder, die vom Spielen im Matsch hereinkommen. Drinnen sitzen die Erwachsenen am Tisch. Ihr wollt auch an den Tisch, aber ihr fühlt, dass ihr euch zuerst waschen solltet.
Ich lebe nun schon seit über 400 Jahren. Und die meiste Zeit davon war ich teriumsüchtig. Terium schien nur Gutes zu verheißen. Verlängere dein Leben, bleibe gesund, gestalte dein Leben ganz neu, du wirst nicht mehr sterben. Sie haben vergessen, die Sucht zu erwähnen. In den ersten 200 Jahren hat es mich kaum gestört, regelmäßig eine Teriumpille zu nehmen. Ich tat all die Dinge, die ich mir sonst verwehrt hätte. Ich hatte ja Zeit. Aber nach 200 Jahren fing es an, dass ich mich ruhelos und ausgehöhlt fühlte. Ich bekam Depressionen. Ich war des Lebens müde und tatsächlich wollte ich sterben. Aber andererseits hatte ich Angst vor dem Tod. Irgendwie war mir klar, dass ich im Tod keinen Frieden haben würde. Sowieso wäre die einzige Möglichkeit zu sterben, ein Selbstmord gewesen. Der war verboten. Sollte es schief gehen, drohte mir die Dehydration. So lebte ich weiter. Ich hatte das Leben so satt und ich war teriumsüchtig. Dann, vor einigen Wochen lief mir dieser Typ, Ratis, über den Weg. Er schaute mich an und irgendwie konnte er meinen Zwiespalt fühlen. Er wusste, was mit mir los war. Er fragte mich nur, ob ich frei sein wollte. Ich fühlte, dass ich mich nun zwischen Leben und Tod entscheiden musste. Ich wusste, dass ich, sollte ich mich für die Freiheit entscheiden, sterben würde. Er hatte mich zutiefst berührt, ich konnte nur nicken. Er berührte meine Stirn und sagte nur: Jetzt bist du frei. Geh und lebe dein Leben. Du bist ein geliebtes Kind des Schöpfers. An diesem Tag hatte ich meine letzte Teriumpille. Ich vermisse es nicht einmal. Ich begann wieder zu beten und ich fühle eine nie da gewesene Verbindung zum Schöpfer. Ich war sogar schon erkältet. Aber ich weiß: Wenn ich jetzt sterbe, bin ich frei! Dann gehe ich nach hause.
Dieser Ratis ist ein Betrüger. Gar keine andere Möglichkeit, er muss einer sein. Keiner kann einfach daher kommen und sagen er sei der versprochene Retter aus den Prophezeiungen. Schaut euch an, wie die Leute an seinen Lippen hängen. Er muss ein Diener des Gefallenen sein. Sonst hätte er nicht soviel Erfolg. Er braucht die Leute ja nur anzufassen und schwupp, schon brauchen sie kein Terium mehr. Und das ohne Entzugserscheinungen. Er weiß doch, dass das gegen das Gesetz ist. Und trotzdem tut er es. Es war hier in diesem System so sauber, so friedlich. Aber dann kam dieser Ratis und brachte alles durcheinander. Wir hatten etwas zu sagen. Die Leute hörten auf uns. Wo ist unser Einfluss jetzt? Wir müssen vorsichtig sein, damit wir unsere Verbindung zu Pontius nicht gefährden, schließlich versorgt er uns mit Silberterium. Und je mehr Leute nicht mehr auf uns hören, desto mehr wird Pontius auf unser Tun aufmerksam. Wir machen doch nichts falsch! Wir sagen den Leuten nur, dass sie den Schöpfer nicht zu fürchten brauchen. Schließlich ist der Schöpfer in jedem von uns. Und das Terium bringt den Schöpfer in uns zum Vorschein. Es gibt uns langes und gesundes Leben. Habt ihr gehört, was Ratis sagt? Er nannte uns Speichellecker. Und er sagte, dass wir beim Gefallenen enden würden. Weiß er denn nicht, dass wir Silberterium bekommen, dass wir nie sterben? Wir haben die Schlüssel zum Himmel und zur Hölle. Nicht er. Wir sollten ihn sofort in die Minen bringen. Niemand würde ihn vermissen.
Hinter der Skyline von Cetris ging Sonne unter. Die Priester sind zufrieden. Selbstgerecht. Sie haben sich selbst die Absolution erteilt. Ratis fühlte einen leichten Stich im Herzen. Die Seelen der Priester waren anscheinend verloren. Weitaus mehr weh taten ihm diejenigen, die von den Priestern mit in die Hölle gezogen wurden. Eine leise Träne fiel von seiner Wange und fror zu Eis, noch bevor sie Nufridons Boden berührte.
Irgendwie ging in den letzten Tagen eine Veränderung in Ratis vor. Auf den ersten Blick schien er wie immer zu sein. Aber als jemand, der ihn gut kannte, merkte ich, dass ihn irgendetwas bedrückte. Ich hatte keine Erklärung, warum. Es sah doch gut aus für unsere Sache. Wo wir auch hin gingen, hörten uns die Leute zu. Ließen sich auf den Schöpfer ein und vor allem, sie ließen sich auf ein Leben ohne Terium ein. Aber jetzt saß Ratis hier auf dem dunklen Hangar und ich konnte sehen, dass ihn etwas bedrückte. Was wusste er, das wir nicht wussten?
Es war noch früh am morgen, als er uns zusammen rief. Wir standen auf dem Hangar, inmitten unserer Schiffe. Das Metall glänzte stumpf und es war kalt. So standen wir 13 hier, wie schon so oft. Als erstes sprach Ratis ein Gebet, wie er es immer tat, wenn wir uns so trafen. Trotzdem war es heute anders. Eine tiefe Trauer stand Ratis ins Gesicht geschrieben. Irgendetwas bedrückte ihn. Und anscheinend war es jetzt an der Zeit für ihn, sich uns mitzuteilen. Wir alle waren nervös. Keiner gab einen Laut von sich, obwohl wir alle die Frage herausschreien wollten. Ratis schaute auf. „Ich will euch die Wahrheit sagen. Nicht dass ich euch bisher belogen hätte, nein. Aber es ist wichtig, dass ihr wisst, was kommen wird.“ Er schwieg für einen Moment, sammelte sich. „Pontius wird mich kriegen. Und er wird mich in die Minen schicken.“ Ich wollte aufspringen und sagen, dass das nicht passieren wird, solange ich noch einen Tropfen Blut in meinen Adern habe, aber Ratis sah mich mit diesem „Schweig jetzt“- Blick an. „Sie werden mich töten und ich werde tot sein. Dann ist es an euch, unsere Sache weiter zu führen. Lasst Euch dann nicht beirren. Mir ist klar, dass Ihr Angst haben werdet, aber ihr dürft den Glauben nicht verlieren!
Sie werden meine Leiche in einen leeren Teriumschacht legen und dort wird meine Leiche drei Tage lang liegen. Aber nach diesen drei Tagen wird der Tod mich nicht mehr halten. Ich werde wieder auferstehen. Und dann werdet ihr verstehen, warum ich hier war.“ Er senkte den Blick. Ich wusste, dass er weinte. Als er den Kopf wieder hob, konnten wir alle die Tränen auf seinen Wangen sehen. „Ich habe nur den Grundstein gelegt. Das Haus müsst ihr bauen, meine Brüder.“ Er schluckte hart. „Ich sterbe schon jetzt fast vor Angst, ich wünschte, ich könnte einfach gehen und mich verstecken. Aber dann wäre alles umsonst. Nein, ich werde tun, was ich tun muss!“
Die Sonne war gerade untergegangen auf Rioda, als ein kleines Schiff vor dem Großen Tempel in Cetris landete. Eine dunkle Gestalt sprang aus dem Cockpit und duckte sich in den Tempel. Die Hohepriester hatten auf ihn gewartet. Er hatte lange überlegt, wie er es am besten tun konnte und, wahrscheinlich noch wichtiger, ob er es überhaupt tun sollte. Er war die ganze Zeit schon für die Finanzen der Gruppe verantwortlich. Und der für das jetzige Handeln ausschlaggebende Punkt ereignete sich am Tag zuvor. Alle 13 saßen zusammen, als der junge Mann hereinkam. Er trug einen Holocast. Keinen von den billigen Dingern, es war einer von denen, die nur schwer zu bekommen waren und auch nur für richtig viel Geld. Dafür ist der Holofilm, den dieses Holocast projizierte, auch wirklich sehr real. Vom Original kaum zu unterscheiden. Die Qualität hat allerdings ihren Preis. Wenn der Holofilm erst einmal gezeigt ist, kann der Holocast keinen anderen mehr zeigen und verliert somit seinen Geldwert.
Der junge Mann stellte den Holocast direkt vor Ratis auf den Tisch und schaltete ihn an. Plötzlich wurden einige der Wunder, die Ratis gewirkt hatte wieder real. Der junge Mann sagte: „Dies ist ein Geschenk für dich. Es soll etwas wirklich einzigartiges sein.“ Die Jünger starrten alle mit einem Glanz in ihren Augen auf den Holocast. Nur Siroc ärgerte sich. Er ärgerte sich unendlich. Er schrie den jungen Mann an, dass er den Holocast nicht hätte starten dürfen. Schließlich hätte man das Gerät für viel Geld verkaufen können und besser nützliche Dinge wie Ersatzteile hätte kaufen können. Siroc war überzeugt davon, dass Ratis ihm Recht geben würde. Aber das tat Ratis nicht. Stattdessen sagte er: „Lass ihn in Ruhe, Du verstehst nicht, dass er Euch ein Andenken gegeben hat, das lebendig unter euch sein wird, wenn ich es nicht mehr bin.“ Die anderen Jünger starrten Siroc an, als wäre er ein kompletter Idiot. Er fühlte sich so gedemütigt. So beschloss er, sich zu rächen. Er würde Ratis verraten. Er wusste, dass die Priester viel Geld für einen Tipp bezahlen würden. Vielleicht würden sie ihm sogar Silberterium geben. Das wäre das größte! Silberterium. Leben ohne Tod. Niemandem Rechenschaft schuldig sein, nicht mal dem Schöpfer.
Und nun stand Siroc vor dem Rat der Hohepriester. Und grade hatte er ihnen die Information gegeben, wo Ratis als nächstes auftauchen würde. Er drehte sich um und verließ den Tempel.
Am nächsten Abend trafen sich die Jünger und Ratis am verabredeten Platz auf Rioda. Es war ein erfolgreicher Tag gewesen. Und nun saßen sie wieder zusammen, um zu essen. Ratis hatte den Kelch grade mit Wein gefüllt. Er hob ihn hoch und wartete, bis alle ruhig waren. Dann sprach er: „Einer von euch hat mich verraten.“ Es lag weder Ärger noch Enttäuschung in seiner Stimme. Sie alle waren aufgebracht. Was sollte das bedeuten? Unbeirrt fuhr Ratis fort: „Heute Abend werde ich gefangen genommen werden. Und ihr werdet mich alle verlassen.“ Und wieder war kein Ärger oder Enttäuschung in seiner Stimme. „Nein, ich würde Dich niemals verlassen“ „Ich auch nicht!“ „Niemals!“ Alle Jünger widersprachen. Plötzlich sprang die Tür auf und die Planetenpolizei stürmte den Raum. Alle sprangen auf, es war ein großes Durcheinander. Aber die Polizisten hatten nur Augen für Ratis, die Jünger waren ihnen egal. Sie griffen Ratis, der sich nicht wehrte, und rissen ihn zu Boden. Sie legten ihm Fesseln an und schliffen ihn raus. Alle Jünger flohen und versteckten sich. Es blieb nur ein lächelndes Gesicht im Raum zurück.
„So, jetzt haben wir ihn doch!“ Pontius grinste böse. Nicht nur, dass der Ratis-Spuk nun ein Ende haben würde und das Terium wieder die Herzen der Leute vereinnahmen würde. Nein, Ratis würde sterben. Und mit ihm der Sohn des Schöpfers. Pontius würde den Schöpfer empfindlich treffen. Er hätte jubeln können vor Glück. Der Gefallene würde stolz auf ihn sein. Erfüllt von einem Hochgefühl öffnete er die Tür und betrat den Gerichtssaal.
Nach der Verhandlung war Pontius nicht mehr so zuversichtlich. Ratis hat während der gesamten Verhandlung kein Wort gesagt. Nicht mal als Pontius das Todesurteil durch Dehydration verkündete, reagierte Ratis. Nicht eine Wimper zuckte in seinem Gesicht. Dabei hatte Pontius es sich so schön ausgemalt, dass Ratis vor ihm auf die Knie fallen und um Gnade winseln würde. Aber nichts, Ratis hatte ihn nicht mal angesehen.
Jetzt saß Ratis in dem dunklen und kalten Frachtraum des Transportschiffes, eingekeilt zwischen Polizeirobotern. Durch das Bullauge konnte er Kranos aus der Dunkelheit des Weltraumes auftauchen sehen. Die Killersatelliten kreisten langsam um den Planeten. Wäre dies nicht ein autorisierter Flug, wäre das Schiff und alle seine Insassen jetzt schon nicht mehr als Staub zwischen den Sternen. Aber die Satelliten würden den Transporter nicht zerstören. So einfach würde Ratis' Tod nicht sein.
Der Transporter sank langsam durch die giftige Atmosphäre. Für einige Minuten ging der Flug über die zerklüftete graue Oberfläche, dann kamen die Lichter des Raumflughafens in Sicht. Sanft setzte das Schiff auf. Der Aufzug senkte die Landeplattform langsam ab, die letzten Strahlen natürlichen Lichts wurden von der sich schließenden Luftschleuse ausgesperrt. Das war das letzte natürliche Licht, das Ratis in diesem Leben sah.
Die Luftschleuse öffnete sich und die Roboter brachten Ratis aus dem Schiff heraus. Sie schoben ihn in einen Aufzug, der ihn 1500 Meter nach unten brachte. Dort schoben sie ihn durch ein Labyrinth aus Stein und Staub, bis alle Geräusche und alle Lichter weit hinter ihnen lagen. Letztendlich erreichten sie den leeren Schacht, wo Ratis sterben würde. Die Roboter ketteten Ratis am Boden fest, so dass er ausgestreckt da lag. Dann verschwanden die Roboter. Er war allein. Bilder flackerten vor seinem inneren Auge. All die Menschen, die immer noch süchtig nach Terium waren. Alle die Menschen, die es hassten, aber es nicht ändern konnten. Für diese Leute lag er nun hier. Er wusste, dass sein Tod sie alle befreien würde. Sein Tod würde dem Terium die Macht nehmen. Er wusste nicht, wie das geschehen würde, aber er wusste, dass es geschehen würde.
Ratis lag eine Ewigkeit alleine in der absoluten Dunkelheit. Minuten werden zu Stunden, wenn man weder etwas hören noch sehen kann. So lag er dort. Sie könnten ihn auch einfach so liegen lassen, das würde er auf die Dauer definitiv nicht überleben. Aber das würden sie nicht. Das wäre zu einfach.
Plötzlich sah er ein Licht in der Dunkelheit aufflackern. Eine Gaslaterne. Jemand kam. Ratis wusste, dass es seine Henker sein würden. Im fahlen Licht der Laternen konnte er drei verhüllte Gestalten erkennen, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Sie schwiegen. Einer kniete sich neben Ratis und fragte: „Irgendwelche letzten Worte?“ Ratis reagierte nicht. Der Henker nahm eine Spritze und schob die Nadel in Ratis' Vene. Er drückte den Inhalt der Spritze in Ratis' Blutkreislauf. Ratis zuckte zusammen. Die Henker traten zurück. Im schwachen Licht der Laternen begann sein Todeskampf.
Es fühlte sich an, als würde pure Lava durch seine Adern fließen. Flammen leckten an seinen Eingeweiden. Flammen, die langsam sein inneres versengten. Dann schlugen die Flammen höher. Sie verbrannten das Fleisch auf seinen Knochen, seine Haut schlug Blasen, seine Augäpfel traten hervor. Normalerweise hätte er schon tot sein sollen, verbrannt vom Feuer, erstickt vom Rauch, aber er lebte immer noch. Er musste durch den Schmerz gehen.
Nach einer Weile ließ der Schmerz etwas nach. Für eine kurze Weile. Aber dann begannen andere Halluzinationen. Fast wie Entzugserscheinungen, nur intensiver und wesentlich stärker und realer. Ratis sah, wie Käfer auf ihn zu krochen. Sechs Zentimeter lange, schwarze Käfer. Hunderte. Sie krochen seine Beine herauf und begannen, sich unter seine Haut zu schieben. Sie fraßen sich durch sein Fleisch. Aber Ratis starb nicht. Er fühlte nur den Schmerz, den unendlichen Schmerz. Und er schrie. Er schrie für Stunden und Tage und Wochen und Jahre. Er hielt den Schmerz nicht mehr aus, er würde wahnsinnig werden! Aber plötzlich erschien eine weiße Gestalt. Sie sagte: „Nun sind deine Schmerzen vorbei. Deine Arbeit hier ist getan.“ Die Gestalt hob Ratis auf und zusammen gingen sie weg. Ratis konnte seinen Körper noch auf dem Boden liegen sehen, aber es war ihm egal.
Einer der Henker kniete sich neben den leblosen Körper. Er stellte den Tod fest. Er runzelte die Stirn. Nur zwei Stunden. Normalerweise dauerte die Dehydration mindestens sechs Stunden. Die Roboter kamen wieder, nahmen die Leiche und brachten sie in einen vorbereiteten Schacht. Sie legten den Körper auf den Boden und verschlossen die schwere Tür. Menschliche Wächter würden mindestens eine Woche lang Wache halten.
Was alle Menschen, Gefangene wie Wärter unter Kranos Oberfläche nicht sehen konnten, war, dass der Himmel über dem ganzen Planeten sich zusammen zog. Ein Gewitter wie es die Galaxie noch nicht erlebt hatte, ging auf Kranos nieder, es hätte das ende der Welt sein können. In den Minen waren bestenfalls dumpfe Schläge zu hören. Und hier und dort einige Funken. Tatsächlich ging in diesem Gewitter mehr Elektrizität auf Kranos nieder als das gesamte System seit der Entdeckung der Elektrizität erzeugt hatte. Alles Terium verlor seine Wirkung. Aber bislang ahnte niemand etwas davon...
Colga hatte heute Wache zu schieben vor dem Grab. Colga war traurig, aber weil er Polizist war, durfte er es nicht zeigen. Er war davon überzeugt, dass es ein Fehler gewesen war, diesen Ratis hinzurichten. Er hatte nichts Falsches getan. Alles was man ihm anlasten konnte, war, dass er den Leuten geholfen hat, ihre Freiheit wiederzuerlangen. Und auch nur denen, die das wollten. Colga erinnerte sich, wie Ratis einem Freund von ihm half. Dieser war grade 280 Jahre alt, aber er war des Lebens so satt, dass alle seine Gedanken sich ums Sterben drehten. Dieser Freund hatte schon immer an den Schöpfer geglaubt und er hasste, was die Priester aus dem Schöpfer gemacht hatten. Tatsächlich wollte er nach Nufridon gehen, um sich den Gläubigen anzuschließen, aber er fand nie den Mut, sich den Entzugserscheinungen zu stellen. So blieb er. Und nahm weiter Terium. Aber er war seines fortwährenden Lebens so satt. Er wurde ruhelos, manchmal aggressiv, aber meistens war er einfach nur traurig. Abgrundtief traurig. Dann, eines Tages, begegnete er Ratis. Ratis sah ihm nur kurz in die Augen und wusste, was los war. Er berührte nur die Stirn von Colgas Freund und sagte: „Jetzt bist du frei!“ Von diesem Tag an nahm Colgas Freund kein Terium mehr. Er hatte keinerlei Entzugserscheinungen. Er packte seine Sachen zusammen und schloss sich den Gläubigen auf Nufridon an. Drei Wochen später starb er, aber er starb mit einem Lächeln auf den Lippen. Colga wusste, dass er, dort wo er nun war, zufrieden war.
Und nun musste Colga hier stehen. Vor dem Grab, tief in den Minen. Plötzlich schossen ihm die Tränen in die Augen. Die Gefühle gingen mit ihm durch. Plötzlich fühlte er sich persönlich schuldig am Tode Ratis’. Er arbeitete für die Regierung. Er arbeitete für diejenigen, die den Leuten das Terium gaben. Diese lebensstreckende Lüge. Colga fiel auf die Knie, Tränen in den Augen. Er betete, bekannte seine Schuld. Schrie um Vergebung.
Nach einer Weile schaute er hoch, zur Tür vor dem Schacht. Sie war offen und ein grell weißes Licht strahlte heraus. Er blinzelte, so hell war das Licht. Eine große weiße Gestalt sprach ihn an: „Er ist nicht hier. Der Tod konnte ihn nicht halten. Geh jetzt!“
„Dieser Ratis war wirklich der angekündigte Retter“ war das letzte was Colga dachte, bevor er in Ohnmacht fiel.
Das Terium hat in dem Gewitter seine Wirkung komplett verloren. Gleichzeitig hat mein Vater, der Schöpfer, alle Menschen frei gemacht von der Sucht. Keiner wird mehr das körperliche Verlangen nach Terium haben. Die Leute werden ihr Leben nun von dem Zeitpunkt an fortsetzen, an dem sie zum ersten Mal Terium genommen haben. Sie werden wieder sterben und sie werden auch wieder Kinder haben. Sie werden wieder krank werden und sie werden ihren freien Willen wieder haben. Die meisten Leute haben das bislang noch nicht mal bemerkt, aber bald werden sie. Ich denke mal, dass es für viele Leute ziemlich ärgerlich sein wird, weil sie feststellen werden, dass der Tod plötzlich wieder recht nahe gerückt ist. Sie müssen sich wieder Gedanken über das ewige Leben machen, dass sie selbst dafür verantwortlich sind. Für den Moment hat der Gefallene seinen Stachel eingebüßt. Aber ich bin sicher, dass er einen anderen finden wird. Seine Wut ist grenzenlos.“ Ratis schaute in die Runde. „Nun ist es an euch. Geht los und erzählt den Leuten die gute Nachricht. Sagt ihnen, dass es den Schöpfer noch gibt, und dass er immer noch Gemeinschaft mit den Menschen haben möchte. Ihr werdet auf offene und auf taube Ohren stoßen, aber ihr dürft es nicht für euch behalten. Versteckt euch nicht. Dies ist der Anbruch einer neuen Ära.“
Und so gingen wir hinaus. Wir erzählten den Leuten vom Schöpfer. Nicht alle waren empfänglich für unsere Nachricht, aber viele.
Nach zwanzig Tagen sagte Ratis, dass er uns nun verlassen würde. Wir versammelten uns alle in unserer Versammlungshalle. Diese war zuvor der große Tempel in Cetris gewesen. Er bot Platz für 3000 Menschen und er war übervoll. Nachdem das Terium keinen Wert mehr hatte, hatten die Priester entweder den Freitod gewählt oder waren einfach verschwunden. Von Pontius hatte seit etwa zwanzig Tagen niemand mehr etwas gesehen oder gehört. Ratis stand in unserer Mitte. Er hob seine Hände zum Segen und segnete uns alle. Dann schaute er nach oben und im nächsten Augenblick war er verschwunden. Uns allen war klar, dass er nun endgültig weg war, aber wir wussten auch, dass er lediglich ein Gebet weit weg war.
Und so begannen wir die neue Ära.
Ende (dieser Geschichte)
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